Eine Führungskraft sollte sich auch als Mensch zeigen
Interview aus planung&analyse | Ausgabe 2 | Juni 2023 – von Sabine Hedewig-Mohr
Susanne Maisch war 25 Jahre lang Geschäftsführerin und Gesellschafterin beim Marktforschungsinstitut EarsandEyes und hat sich dann als Coach und Trainerin selbständig gemacht. planung&analyse sprach mit ihr über Herausforderungen für Führungskräfte in agilen, digitalen, diversen, disruptiven Zeiten.
Sie waren selbst 25 Jahre als Unternehmerin tätig. Wie sind Ihre Erfahrungen als weibliche Führungskraft?
Ich habe mich bei Anfragen etwa zum Thema "Sie als Frau und Unternehmerin" immer zurückgehalten. Ich wollte über das Unternehmen sprechen und nicht über mich in der Rolle der weiblichen Führungskraft. Es war Anfang der 2000er auch nicht üblich, als Geschäftsführerin nicht immer erreichbar zu sein.
Ich habe mich manches Mal nachmittags zum Telefonieren in der Speisekammer zurückgezogen, während mein Sohn - der ist jetzt 26 - im besten Fall im Kinderzimmer gespielt hat und im schlimmsten Fall gerade einen Wutanfall bekam. Da konnte ich nicht einfach sagen: "Entschuldigung, ich muss mal gerade meinen Sohn auf den Arm nehmen." Das hat sich heute zum Glück stark gewandelt. Auch durch die Pandemie. Jetzt sitzen die Kinder beim Meeting mit dabei, eben auch bei Männern auf dem Schoß. Das wird dann als cool angesehen. Während es bei Frauen immer noch ein bisschen unprofessionell ankommt, wenn sie das nicht "im Griff" haben. Da ist der sogenannte Unconscious Bias größer, als man vermutet.
Mit welchen Skills sollte eine Führungskraft heute ausgestattet sein?
Ich biete ein Training "Coaching als Führungsstil" an. Der Schwerpunkt ist, dass ich als Führungskraft wie ein Coach denken und wie ein Coach führen sollte. Das darf man nicht mit einem professionellen Business Coach verwechseln. Es hat in erster Linie etwas mit der inneren Haltung zu tun. Ich kann Druck, Angst und Macht ausüben und auf den Tisch hauen. Dann tun die Mitarbeitenden, was ich gesagt habe. Aber nicht, weil sie es gut machen wollen, sondern weil sie mich fürchten. Ich bekomme dann zwar Respekt, aber wenig Sympathie. Weniger laut, aber auch schwierig ist es, zu nett zu sein und alles laufen zu lassen.
Dann mögen mich meine Leute zwar, aber ich bekomme Abgrenzungsschwierigkeiten, werde nicht ernst genommen und die Performance leidet. Ideal ist es, durchsetzungsstark, empathisch und offen zu sein und mit einer sogenannten Haltung der freundlichen Stärkein Führung zu gehen.
Als Coach sollte ich meinen Mitarbeitenden gegenüber Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Denn die meisten Lösungen sind in den Menschen selbst vorhanden. Es sei denn, die Person ist auf der falschen Position. Aber das zu erkennen, ist ebenfalls sehr wichtig. Kommunikation ist ein zentrales Thema bei der wirksamen Führung. Und es gehören natürlich Dinge dazu wie delegieren können, klar zu sein in der Sprache und Vorbild zu sein. Dann gibt es noch das ganze Thema Feedbackkultur. Wie nehme ich Feedback, wie gebe ich es? Was können meine Leute dadurch gewinnen? Und natürlich die Fehlerkultur.
Wie kann man gute Mitarbeitende halten?
Wertschätzung, Anerkennung, Kommunikation. Eine kostbare Währung, die leider viel zu häufig unterschätzt wird. Und das Betriebsklima. Das eine ergibt sich häufig aus dem anderen. Führung auf Distanz hat einige weitere Herausforderungen hinzugefügt. Kommunikation ist noch wichtiger geworden. Man muss als Führungskraft noch mehr mit den einzelnen Menschen sprechen und noch mehr nachfragen, wie es ihnen wirklich geht und was sie gerade brauchen.
Und: Man sollte sich selbst auch als Mensch zeigen. Denn auch Führungskräfte sind verletzlich, haben Burnout – und da schließt sich wieder der Kreis zur Fehlerkultur. Man muss auch als Führungskraft mal sagen dürfen, ich kann das jetzt gerade noch nicht entscheiden, ich habe noch keine Lösung. Das ist aber in vielen Unternehmen immer noch tabu und dann werden Lösungen rausgehauen, die am Ende revidiert werden müssen. Das schafft Misstrauen.
"Coaching statt Firmenwagen"
Das ist auch das Motto meines Unternehmens. Wir haben in meiner Zeit bei EarsandEyes den Mitarbeitenden viele Goodies geboten, die auf die physische Gesundheit einzahlen. Zum Beispiel einmal im Monat kostenlose Massage, höhenverstellbare Tische, Fußhocker, Obst. Das ist schon gut. Meine junge Kollegin war bei einer IT-Firma, wo den Mitarbeitenden kostenfreie Coaching Sessions angeboten werden. Das zahlt auf die mentale Gesundheit ein, ist lösungsorientiert und fördert die Selbstreflexion.
Menschen wollen sich entwickeln. Und ob die dann im Coaching über berufliche oder private Themen sprechen, ist ganz egal, da sich das Berufliche häufig genug ins Private verlagert und umgekehrt. Weil sich beide Bereiche überschneiden.
Kurzgefasst
Führung mit „freundlicher Stärke" – empathisch und durchsetzungsstark.
Coaching als Führungsstil fördert Eigenverantwortung.
Wertschätzung und Kommunikation halten gute Leute.
3 Fragen
- Führe ich durch Druck – oder durch Vertrauen?
- Wie oft frage ich meine Mitarbeitenden, was sie gerade brauchen?
- Zeige ich mich auch als Mensch – mit Unsicherheiten und Grenzen?
Mini-Tool
Haltungs-Check:
Vor dem nächsten schwierigen Gespräch – frage dich: „Will ich recht haben oder will ich verstehen?"
Ein Gedanke zum Schluss
Führung verwechseln viele immer noch mit den Aufgaben: Ich sag dir, was du zu tun hast, und überprüfe, ob das rechtzeitig und fehlerfrei fertig war. Das reicht aber einfach nicht. Man muss zusätzlich signalisieren: Ich sehe dich, lieber Mitarbeitende, du bist mir wichtig, was brauchst du? So entsteht Loyalität.
Hier finden Sie einen Überblick über meine Leistungen im Coaching & Training.
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Ich begleite Sie gern auf Ihrem Weg – empathisch, klar und mit dem Blick fürs Wesentliche.